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64 Takte Brahms

An einem Vormittag im Mai bin ich im Blumenladen an der Bramfelder Chaussee dem Erzengel Gabriel begegnet: Hünenhaft groß, fahles, blondes Haar, glatt rasiert, mit dem in die Ferne gerichteten Blick der Beseelten und der Säufer, trug er an der rechten Hand eine blaue Tasche von beträchtlicher Größe, von der ich annehme, dass sie alles enthielt, was er das Jahr über so brauchte. Obwohl wir im späten Frühjahr schon hochsommerliche Temperaturen hatten, trug er einen langen, schweren, graublauen Wollmantel, der fast bis auf den Boden reichte und ihm in schwierigen Situationen vermutlich auch als Schlafdecke dienen musste. Er roch sehr streng, ich konnte aber nicht feststellen, dass er ungewaschen oder gar schmutzig gewesen wäre, eher war es der Eindruck einer leichten Ungepflegtheit, hervorgerufen durch die Kleidung, den leicht angeschmutzten weißen Hemdkragen und die längeren, vermutlich selbst geschnittenen Haare. Nach mir in den Blumenladen gekommen, stellte er sich bescheiden und in gebührendem Abstand hinter mich, wartete geduldig, bis ich meinen Frühlingsstrauß in den Modefarben dieses Frühjahrs ausgehändigt bekam, stellte seine Tasche ab, nestelte umständlich an deren Verschluss, der sich verhakt hatte, und zog schließlich eine leere Glasflasche heraus, auf der „Michaelisbrunnen" stand, reichte diese der Verkäuferin und bat sie mit ruhiger Stimme um Wasser, das sie bitte in die Flasche füllen möge. Und ich ergänzte im Stillen, „bitte klar und frisch, wie Sie es täglich ihren Hunderten von Blumen ausschenken". Dann zog er sich in den Schatten eines dem Blumenladen gegenüberliegenden Baumes zurück, auf die kleine, vom Straßenverkehr umtoste Grasinsel am Bramfelder Dorfplatz, die außer dem Baum noch einem Kriegerdenkmal für die im ersten Weltkrieg Gefallenen, ein paar Schlüsselblumen und einigen schon verwelkten Tulpen und Narzissen Heimat bot. Obwohl von der Statur her groß und schwer, bettete er sich elegant ins knappe Gras, hatte seiner Tasche ein geschliffenes Glas entnommen und trank mit einer Feinheit der Gebärde das frisch eingeschenkte Wasser, als wäre es der köstlichste Wein. Sein Blick ging in die Ferne, er schien auf dem Gras zu schweben, wie eine der Figuren auf einem Gemälde von Sandro Botticelli, und als ich aus der daneben liegenden Post wieder herauskam, nachdem ich dort wegen eines nach Genua aufzugebenden Einschreibens sehr lange hatte warten müssen, war er nicht mehr da. Ob er ein Schwert dabei hatte, kann ich nicht sagen, gesehen habe ich jedenfalls keines, aber vielleicht gibt es auch schon kleine Reiseausführungen, ähnlich der eines Knirps' für die Damenhandtasche; wer weiß?

Letzte Woche begegnete ich ihm wieder. Ich sah ihn nicht sofort, als ich mit den Schülern einer sechsten Klasse aus dem nahe gelegenen Johannes-Brahms-Gymnasium die Bücherhalle am Bramfelder Marktplatz betrat. Die Schüler setzten sich auf die Stufen, die mitten in der Bücherhalle wie ein winzig kleines, antikes Amphitheater eingelassen sind, hörten der Bibliothekarin zu, die ihnen gerade erklärte, wie sie in den an den Seiten aufgestellten Computern Bücher, Zeitschriften, Comics und Videospiele finden konnten.
Und da sah ich ihn sitzen, nach hinten gelehnt, genau wie Johannes Brahms auf dem Bild von Beckerath, nur dass er nicht am Flügel saß, sondern etwas abseits an einem kleinen Tisch, hinter einem grauen Bücherregal, über ein großformatiges Buch gebeugt, die blaue Tasche neben sich am Boden, konzentriert die Zeilen mit breitem Finger verfolgend, aber nicht wie einer, der gerade erst das Lesen lernt, sondern das Gelesene hervorhebend, unterstreichend, so als wollte er sagen, das ist gut, das ist großartig.
Vorsichtig löste ich mich von der Schülergruppe, stieg die geschwungene Treppe empor, zu dem etwas versteckten, hinteren Teil der Bücherhalle, um ihn besser beobachten zu können. Er schien mich nicht zu bemerken, blickte dann aber plötzlich zu mir herüber, und sein Blick, von klarem, hellem Grau-Blau, ging durch mich hindurch, als stünde ich gar nicht da. Ein solch kaltes Feuer hatte ich noch nie gesehen und ich drehte mich schnell zur Seite, tat so, als suchte ich ein Buch in seiner Nähe, bemühte mich dann, einen Blick auf seine Lektüre zu erhaschen; nichts auf der Welt interessierte mich in diesem Moment mehr, als herauszufinden, was er da gerade las.
Da wurde ich von unten her von der Bibliothekarin gerufen, da einer meiner Schüler einen merkwürdigen Anfall habe. Die Stimme der Bibliothekarin klang ziemlich ängstlich, fast verzweifelt, und tatsächlich wälzte sich Julian in einem epileptischen Anfall am Boden der kleinen Fläche, die wie eine Theaterbühne aussah, sodass sich die übrigen Kinder verängstigt an die Seiten zurückgezogen hatten, eine Art griechischen Chor bildend, sich gegenseitig festhaltend und wartend, was weiter geschehen würde. Ich hatte bei einem anderen, älteren Schüler schon einmal einen derartigen Anfalle erlebt und wusste, was zu tun war. Bald kam auch der Rettungswagen von der nahe gelegenen Feuerwache, Julian wurde von zwei Sanitätern betreut, zur Beobachtung in die Ambulanz des nahe gelegenen Barmbeker Krankenhaus gebracht und langsam kehrte wieder Ruhe ein.
Als ich endlich wieder nach oben blicken konnte, war Gabriel verschwunden. Nach diesem Vorfall war es unmöglich, die Kinder ein zweites Mal allein zu lassen, und so kehrte ich erst am späten Nachmittag in die Stadtteilbibliothek zurück, insgeheim hoffend, Gabriel dort wiederzusehen, obwohl mir der Verstand sagte, dass die Wahrscheinlichkeit gering sei. Wie schon befürchtet, war er nicht da, der Platz, an dem er gesessen hatte, war sorgfältig aufgeräumt, nichts erinnerte an seine Anwesenheit vom Vormittag. Ich fing an, in den Regalen nach dem großen Folianten zu suchen, der so verheißungsvoll auf seinem Tisch gelegen hatte, suchte in meiner Vorstellung nach einer alten Bibel, stellte mir vor, dass er diese bei der Schöpfungsgeschichte aufgeschlagen hatte, fand aber nichts, was auch nur annähernd dem ähnlich gewesen wäre, was er da auf dem Tisch liegen hatte. War der Erzengel Gabriel ein Dieb und hatte die Bibel einfach in seiner großen Tasche mitgehen lassen? Da sah ich ganz hinten, dort, wo eine Tür zu privaten Räumen führte, ein großes Buch zwischen Wand und Regal im Schatten stehen, halb an das Regal angelehnt, als sei es in großer Eile dort abgestellt worden. Es schien mir nicht besonders alt zu sein und es war auch keine Bibel, sondern es erinnerte mich vom Format her an die große Biographie von Johannes Brahms, die ich selbst in mehreren Exemplaren besaß, um sie bei besonderen Anlässen verschenken zu können. Zaghaft, fast schüchtern griff ich nach dem Buch, legte den großen Folianten auf einen der hinteren grauen Tische, zog mir einen der ungepolsterten Stühle heran, wie wir sie auch in unserer Pausenhalle stehen hatten, griff nach den Zigaretten in meiner Manteltasche, betrachtete den aus grau-braunem Packpapier unbeholfen angefertigten Einband, steckte die Zigaretten wieder weg, da ich hier nicht rauchen durfte, schlug die erste Seite auf und wusste endlich, was ich vor mir hatte. Es war Hyperions Schicksalslied Opus 54 für Chor und Orchester von Johannes Brahms, ein Autograph, natürlich kein Original, sondern ein Faksimiledruck. Langsam blätterte ich die Partitur durch, und dann sah ich sie, die auf die Rückseite des Blattes mit den Zeilen „Ihr wandelt droben im Lichte" mit feinem Bleistift, unglaublich winzig, aber klar und deutlich in die sorgfältig gezogenen Notenlinien hineingeschriebenen Noten: 64 Takte eines Cellosolos, von dessen einzigartiger Schönheit ich sofort überzeugt war. Hatte Gabriel das geschrieben oder dort nur entdeckt? Obwohl der große Band mit den Autographen keinerlei Signatur oder einen Stempel der Öffentlichen Hamburger Bücherhallen trug, wagte ich nicht, ihn mitzunehmen, sondern blätterte weiter, entdeckte, dass auch Opus 81 in dem Band enthalten war, konnte aber keine weiteren Bleistifteintragungen mehr finden. Schließlich versuchte ich, dieses Blatt zu kopieren, was aber nur unvollkommen, wegen der Winzigkeit der Bleistiftschrift, gelang, sodass ich schließlich die kleine Partitur der 64 Takte mühevoll handschriftlich kopierte. Danach versteckte ich den Band in einem abseits liegenden Regal, verließ die Bücherhalle wie in Trance, wäre beim Überqueren der Herthastraße beinahe überfahren worden und bestieg den 36ger Bus Richtung Gänsemarkt, in dessen Nähe ich wohne. Zu Hause angekommen, packte ich sofort mein Cello aus und versuchte, diese 64 Takte zu spielen, natürlich nur den Cellopart; mir die übrigen Stimmen der Partitur dazu vorzustellen, überstieg meine geistigen Möglichkeiten.
Aber ich wusste, die Musik war einzigartig ergreifend und gleichzeitig tröstlich, und es war eindeutig Brahms; nicht so bemüht und anstrengend wie seine erste Cellosonate, eher geheimnisvoll in der Art des Violinkonzerts, aber doch ganz anders, irgendwie nicht von dieser Welt. Ich überlegte mir, wem ich diese Noten zeigen könnte, um sie zusammen mit einem Orchester hören zu können. Aber es sollte anders kommen.


Zwei Tage später sah ich Gabriel ein letztes Mal. Er saß auf dem kleinen Mäuerchen am hinteren Ende des Bramfelder Marktplatzes mit drei weiteren Kumpanen, die, ähnlich gekleidet wie er, zwei große Flaschen Lambrusco herumreichten, aus denen auch Gabriel hin und wieder einen Schluck nahm. Die vier waren offensichtlich schon betrunken, und ich musste unwillkürlich an das Lied der Betrunkenen von Bela Bartok denken, das mein Sohn im Klavierunterricht gerade spielte. Einzig Gabriel bewahrte so etwas wie Haltung, stand dann auf, als das laute Reden in einen handfesten Streit auszuarten drohte, packte seine große Tasche und ging in Richtung Herthastraße davon. Mit wenigen, schnellen Schritten hatte ich ihn eingeholt, als er sich umdrehte und mich zum zweiten Mal mit diesem unglaublich kalten Feuerblick ansah. Unfähig, ein Wort herauszubringen, entnahm ich meinem Geldbeutel einen Fünfzigeuroschein und steckte diesen in seine etwas ausgebeulte linke Manteltasche. Gabriel nahm den Schein gelassen aus seiner Manteltasche mit zwei Schnippfingern heraus und steckte ihn dann in eines der Fächer der Brieftasche, die er aus seiner großen, blauen Tasche umständlich hervorgeholt hatte. Nachdem er diese dort wieder sorgfältig verstaut hatte, drehte er sich ohne ein Wort des Dankes, ohne die leiseste Bemerkung um, setzte seinen Weg fort mit dem in die Ferne gerichteten Blick, hoch erhobenen Hauptes, trotz des einsetzenden Regens.
Als ich an jenem Abend nach Hause kam und mir „seine" Noten hervorholen wollte, musste ich feststellen, dass sie der Regen verdorben hatte. Auf dem breiten Fensterbrett im Musikzimmer meiner Altbauwohnung in der Caffamacherreihe im dritten Stock hatte sich der Regen einen Weg durch eines der Sprossenfenster gebahnt und die Tinte, mit der ich die Noten auf das Blatt mit den selbst gezogenen Notenlinien geschrieben hatte, zu einem einzigen dunklen See ausgeblutet, so dass nichts mehr zu erkennen war. Einzig in meiner Erinnerung blieben die Töne erhalten als etwas überirdisch Schönes. Aber ich wusste, dass ich es nicht schaffen würde, sie aus der Erinnerung zu Papier zu bringen, vielmehr, dass ich sie mit jedem Tag ein Stückchen mehr vergessen würde, so dass mir am Ende nur die Erinnerung an einige Takte der schönsten Musik bleiben würde, die ich je gehört hatte. Meine Nachforschungen in der Bücherhalle, ob jemand diesen Mann kannte, blieben ergebnislos, genauso wie die Nachforschungen in der Apotheke an der Herthastraße, im Ortsamt, in dem kleinen Blumenladen; auch den Autographen, den ich eigenhängig in der dunkelsten Ecke der Stadtteilbibliothek versteckt hatte, fand ich nicht wieder.

     
A. Gsell, 29 September 2010






(: 16.11.10)